„All Our Yesterdays“ (Zeitsplitter) von Cristin Terrill

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Wie wäre es, seinem früheren Ich zu begegnen? Ihm davon zu erzählen, was ihm zustoßen wird, was es besser machen kann und wovor es sich in Acht nehmen sollte?

In Cristin Terrills Debütroman „Zeitsplitter“ wird das Gedankenspiel weitergesponnen: Wie wäre es, seinem früheren Ich zu begegnen, um ihm – also auch sich selbst – und vielen anderen Menschen das Leben zu retten?

Em ist gefangen in einer kahlen Zelle. Sie weiß, warum sie dort ist, aber sie hat keine Ahnung, wie sie ihrem Schicksal entrinnen kann. Sie wird verhört und grausam gefoltert, damit sie eine Information preisgibt, die ihre Lebensversicherung ist. In ihrer Zelle findet sie einen Zettel mit Anweisungen, den jemand dort für sie versteckt hat. Den sie selbst dort für sich versteckt hat. Denn Em war schon einmal hier – genauer gesagt schon 14 Mal. Mit einem Teilchenbeschleuniger, der sie durch die Zeit transportiert, hat sie versucht, die Vergangenheit zu verändern und ihr früheres Ich Marina vor all dem zu verschonen, was sie selbst durchmachen musste.
Em geht es vor allem um eines: Den Doktor zu stoppen, ein skrupelloses Genie, das einen wahnwitzigen Plan verfolgt. Sie steht vor einer großen Herausforderung, denn schon 14-mal ist es ihr misslungen – und der Doktor war vor vier Jahren noch Marinas große Liebe…

Cristin Terrill erzählt ihren spannungsgeladenen Roman in atemberaubender Geschwindigkeit. Trotzdem lässt sie dem Leser genug Zeit, das komplexe Gebilde aus Vergangenheit und Zukunft, das sie erschaffen hat, zu durchschauen. Zeitsplitter ist toll geschrieben und auch toll übersetzt (Barbara Imgrund). Dem Text merkt man an, wie viel die Autorin von ihrem Handwerk versteht. Kein Wunder, denn sie hat den Master of Arts am Shakespeare Institute der University of Birmingham gemacht.
Shakespeare findet sich im Roman wieder: Im schnellen, zusammenhängenden und gut durchdachten Plot und in den vielschichtigen Figuren. Shakespeare-like ist auch die Tatsache, dass in jeder ihrer Figuren irgendwo etwas Dunkles lauert und dass sie alle irgendwo mit sich selbst ringen. Keine der Personen ist flach und keine von ihnen würde für möglich halten, was in ihnen schlummert und in der Zukunft zum Vorschein kommt.
Und um den Meister der Kunst zu würdigen, wählte Cristin Terrill den Originaltitel „All Our Yesterdays“, ein Zitat aus Macbeth: „And all our yesterdays have lighted fools / The way to dusty death“ (Akt 5, Szene 5).

Es beeindruckt, wie die Autorin es geschafft hat, dieselben Figuren in den unterschiedlichen Zeiten darzustellen. Denn Em ist nicht mehr Marina und Marina ist noch nicht Em und doch sind sie irgendwie dieselbe Person.

Zeitsplitter ist ein sehr intelligentes Buch und man könnte Stunden damit füllen, über die komplizierten und teilweise paradoxen Handlungsstränge nachzudenken. Trotzdem macht das Lesen unglaublich Spaß und hält den Leser von der ersten bis zur letzten Seite im Bann.

Witzig, denn: Der erste Eindruck, den ich von dem Buch bekommen habe, war weniger positiv. Nie hätte ich hinter dem Cover diesen tiefgehenden Roman erwartet. Vielleicht weil Zeitreisenromane oft so einen Fantasy- oder Science-Fiction Beigeschmack haben, der mich persönlich nicht anspricht. Zeitsplitter ist aber ein sehr auf dem Boden gebliebenes Buch, das super zu unserer heutigen Zeit passt.
Aber muss ich – ganz subjektiv – sagen, dass das Cover mir nicht gefällt. Irgendwie sieht es viel mehr nach Mädchenroman aus, als es dann tatsächlich ist. Im Buchladen hätte ich mir das Buch vermutlich nicht näher angesehen – was sehr schade gewesen wäre. Das amerikanische Originalcover weckt schon viel eher meine Neugier und bereitet mich auf die spannungsgeladene Story vor.

Dreht man das Buch allerdings um, erwartet einen auf der Rückseite schon der erste Clue. Und spätestens, wenn man ihn liest, wird man neugierig gemacht.

 

Mein Fazit zum Buch: „Zeitsplitter“ ist eines dieser berüchtigten Bücher, das einen mit einem traurigen Gefühl zurücklässt, wenn es dann um ist. Da bleibt nur eines: Ab in den Teilchenbeschleuniger, zurück zum Anfang und das ganze Buch eben gleich noch mal gelesen.