The Cuckoo’s Calling (Der Ruf des Kuckucks) von Robert Galbraith

derrufdeskuckucksDer „Ruf des Kuckucks“ (im Original: „The Cuckoo’s Calling“), so heißt der neue Roman von Robert Galbraith, der am 30. November hier in Deutschland im Blanvalet Verlag erscheinen wird. Darin dreht sich alles um den vermeintlichen Selbstmord des 23-jährigen Topmodels Lula Landry. Der erfolglose Privatdetektiv Cormoran Strike wird angeheuert um herauszufinden, ob Lula sich tatsächlich selbst aus dem Fenster ihres Luxus-Appartements gestürzt hat. Denn ihr Adoptivbruder ist überzeugt davon, dass es Mord war. Cormoran Strike nicht. Trotzdem nimmt er den Fall an und beginnt mit seiner jungen Assistentin Robin Ellacott zu ermitteln. Und im Sumpf der Londoner Glamour-Szene bekommt er nicht nur Einblicke in tiefe menschliche Abgründe, sondern entdeckt auch mehr und mehr Ungereimtheiten zum Fall Lula Landry.

Just another detective story?
Falsch! Denn nicht nur ist „The Cuckoo’s Calling“ gekonnt geschrieben (zumindest im Original), auch die Figuren sind sehr sorgfältig gezeichnet. Man braucht seine Zeit, sich an Cormoran Strike als neuen „Helden“ einer geplanten Detektivserie zu gewöhnen. Und genau das macht ihn so menschlich. Denn heldenhaft ist wohl eine der letzten Eigenschaften, die man ihm zuordnen würde. Er ist chaotisch, raubeinig, scharfsinnig und gleichzeitig so tollpatschig. Strike ist facettenreich.
Seine Assistentin Robin dagegen schließt man von Anfang an ins Herz. Ihre Figur rückt noch etwas in den Hintergrund, wird einseitiger beleuchtet, doch man erkennt, dass es eine Seite von ihr gibt, die noch im Schatten liegt.

Man lässt sich gerne von beiden in die verworrene Intrigengeschichte rund um den „Cuckoo“ Lula Landry verführen. Die bittersüße, jedoch mehr bittere als süße, VIP-Szene, die Partys, die Papparazzis, die Einsamkeit, das alles wird greifbar und man kann eindeutig Parallelen zur realen Promi-Welt und ihren Skandalen ziehen.
Die Sprache ist schlicht und der gesamte Roman spannungsgeladen. Galbraith erzählt ohne Schnörkel und doch weiß der Autor eindeutig, wie man eine Geschichte erzählt.

Alles in allem: „The Cuckoo’s Calling ist ein sehr stilvoller Krimi, der es vielleicht nicht schafft, das Genre neu zu erfinden (wie sollte er?), der aber mit seinem Charme besticht. Ein „Page-Turner“, der Lust auf mehr macht. Zum Glück ist der zweite Teil bereits in Arbeit.
Für alle Literaturdetektive und Krimiklassiker-Liebhaber also ein absolutes Muss!

 

Soviel zu Robert Galbraith. Kommen wir nun zu J.K. Rowling.

Das Buch dieses unbekannten „Galbraith“ wurde so gut besprochen, dass einige Journalisten misstrauisch wurden. Und schließlich plauderte eine Freundin des Anwalts von J.K. Rowling auf Twitter das Geheimnis aus: J.K. Rowling ist die Autorin dieses Buches, das sie unter Pseudonym veröffentlicht hat, um ohne Druck ein Buch nach ihrem Geschmack schreiben zu können.

Ein Marketing-Coup? Und wenn schon: Die Tantiemen und die Entschädigung aus der Anwaltskanzlei wandern schließlich an eine Hilfsorganisation für Soldaten.

Wie erwartet wurde das Buch zum Bestseller. Und sofort passierte ein Phänomen, das schon bei „The Casual Vacancy“ zu beobachten war: In fast jeder Kritik renommierter Zeitungen tauchte ständig ein und derselbe Name auf – Harry Potter.
Da wurde verglichen, beurteilt, kritisiert und abgewägt und schon ist die Frage, wie objektiv „The Cuckoo’s Calling“ jetzt noch von der Presse beurteilt wird. Denn J.K. Rowling ist nicht einfach nur „Schriftstellerin“, wie Robert Galbraith es vorher war. Nein, J.K. Rowling ist von Beruf „Harry Potter -Schöpferin“ (Spiegel Online). Und aus dieser Rolle lässt man sie einfach nicht herauswachsen. Der „Spiegel“ rät ihr sogar mit einem Zitat aus ihrem eigenen Buch: „Sie sollten Ihren Beruf an den Nagel hängen und Fantasy-Romane schreiben.“

Warum? Wieso lässt man sie nicht das Genre wechseln und sich ausprobieren? Selbst wenn „The Cuckoo’s Calling“ tatsächlich so schlecht wäre, wie vom „Spiegel“ behauptet, dann hätte das doch nichts mit Harry Potter zu tun. J.K. Rowling ist mehr als Harry Potter. Sie muss nicht mehr beweisen, dass sie schreiben kann, aber sie darf es trotzdem in jedem neuen Buch immer wieder tun. Trotz ihres Ruhmes sollte sie die Chance haben, neues Terrain zu erkunden und dabei zu wachsen.

Die deutsche Schauspielerin Lilli Palmer sagte, ein Prominenter sei „ein Mensch, der wie ein Wilder arbeitet, um bekannt zu werden, und dann mit einer dunklen Brille herumläuft, um nicht erkannt zu werden.“
Ich würde mir wünschen, dass wir J.K. Rowling nicht weiterhin mit Voreingenommenheit und Missgunst zur dunklen Brille zwingen. Denn woran ich beim Lesen am allerwenigsten denken musste, das war Harry Potter.

© Leonie Bredl

 

The Cuckoo’s Calling

Verlag: Blanvalet
Originalverlag: Little, Brown and Company, New York 2013
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz
ISBN: 978-3-7645-0510-3