„Der Junge, der Träume schenkte“ – Luca di Fulvio

derjungederträumeschenkteVom Träumen des Amerikanischen Traums

Der Italiener Luca di Fulvio hat mit „Der Junge, der Träume schenkte“ – Originaltitel „La Gang dei Sogni“ – einen Epos geschaffen, der es bis auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Der Roman erschien bereits im September 2011, hielt sich aber noch bis zu diesem Jahr auf der Bestsellerliste und löste unter Buchkritikern eine heiße Diskussion aus. Kein Wunder: das Buch ist brutal, direkt und provokant – es polarisiert.

Manhattan 1922
Der junge Teenager Christmas Luminita, Sohn einer italienischen Einwanderin, wächst in der Lower East Side auf, einer Gegend, die ihn alles über das Leben lehrt: Er lebt unter Tagedieben, Prostituierten, einfachen Arbeitern und skrupellosen Gangstern. Schnell durchschaut er Tricks und Vorgehensweisen der Gangs und der Drogenbosse und macht bald das ganze Viertel glauben, er sei der Anführer einer berüchtigten und hoch angesehenen Gang, der Diamond Dogs.

Ruth ist dreizehn und lebt mit ihren Eltern in einem Haus, in dem niemand lächelt. Ihre Familie führt ein luxuriöses Leben, doch hinter der Fassade ist der Umgang miteinander kalt und grausam. So kommt es, dass die dreizehnjährige Ruth sich von dem immer lachenden Gärtner der Familie, Bill, ausführen lässt. Und dieser lacht viel an dem Abend, lacht, während er sie schlägt, vergewaltigt und ihr einen Finger abschneidet, um an ihren wertvollen Ring zu kommen.

Christmas findet Ruth, wie Bill sie zurückgelassen hat, stark blutend und für immer gebrandmarkt. Er bringt sie ins Krankenhaus und rettet ihr damit das Leben. Von da an verflechten sich die Schicksale der beiden viel zu früh erwachsen gewordenen Kinder miteinander. Sie entwickeln eine ungewöhnliche Freundschaft, aber schon bald scheinen sich ihre Wege wieder zu trennen – bis die Diamond Dogs wieder ins Spiel kommen…

 

Luca di Fulvio erzählt in „Der Junge, der Träume schenkte“ von den drei Schicksalen von Christmas, Ruth und Bill, die alle drei nicht mit und doch auch nicht ohne einander zu funktionieren scheinen. Er schreibt erbarmungslos. Er konfrontiert. Ohne jeden Schnörkel beschreibt er die Gewalt, die sich durch das Buch zieht wie ein roter Faden – und im selben Atemzug erzählt er eine wunderbare Liebesgeschichte, ohne die das alles kaum erträglich wäre.

Di Fulvio ist Italiener, auch das ist im Buch deutlich zu spüren. Immer wieder kann er es nicht lassen, auch ein wenig Kitsch mit einzubringen, ohne den die Geschichte zu einem brutalen Psychodrama werden würde. Ja, das Buch hat eben auch etwas Hollywood-Lastiges, ist es doch an Martin Scorseses „Gangs of New York“ angelehnt.

Trotzdem schreibt di Fulvio gekonnt und stilvoll. Jede Melodramatik der Handlung gleicht er durch seinen schlichten Stil aus und schafft es dadurch, zu berühren. Keine einzige der 781 Seiten ist langweilig zu lesen – im Gegenteil. Einmal angefangen zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Man lacht, weint und fürchtet sich mit Bill und Ruth – und wird unfreiwilligerweise auch mit den Gefühlswelten des Vergewaltigers Bill konfrontiert.

Viele der Szenen sind heftig zu lesen. Luca di Fulvio konfrontiert den Leser mit Dingen, die er vielleicht lieber nicht so detailreich vorgesetzt bekommen möchte. Er ist vulgär, zugegeben, aber er stellt eben nichts harmloser dar, als es ist.

Viele Kritiker schien das abzustoßen: Das Vulgäre, die Gewalt, die widerliche Behandlung von Frauen. Und genau daran lässt sich feststellen: Luca die Fulvio hat seinen Job richtig gemacht.
Das Buch ist keine seichte Lektüre. Man hasst es oder man liebt es. Beides spricht in diesem Fall für den Autor. Denn keiner kann ihm vorwerfen, nicht zu wissen, was er tut. Er begründet jede seiner Handlungen. Er erzählt, warum seine Figuren tun, was sie tun. Es gibt bei ihm keine reinen Helden und Antihelden, jede Figur durchlebt eine Entwicklung und man erfährt, warum sie zu dem geworden ist, was sie ist.

„Der Junge, der Träume schenkte“ handelt vom Amerikanischen Traum
– noch viel mehr aber vom Amerikanischen Albtraum

Es geht um die Ausbeutung der Arbeiter in den Elendsvierteln von New York. Es geht um Korruption und Verbrechen. Und es geht immer wieder um die Behandlung der Frauen – in den unterschiedlichsten Schichten. Da sind die Einwanderinnen, die keine andere Wahl haben als sich zu prostituieren, um ihre Kinder über die Runden zu bekommen. Dann die Frauen der High Society, wie Ruth, deren Reichtum und Ansehen sie nicht im Geringsten vor Gewalt und Misshandlung schützen können. Und die jungen Mädchen in Hollywood, die sich für den Traum vom Ruhm ausbeuten lassen.

„Der Junge, der Träume schenkte“ zeigt sie alle: Arme, Reiche, Angesehene, Verpönte, Huren, Pornodarsteller, Filmproduzenten, Ganoven und Schwerverbrecher. Und zwischen den Zeilen steht unübersehbar die Frage: Unterscheiden sich ihre Schicksale wirklich so sehr voneinander? Jagen sie nicht alle dieser Illusion vom Amerikanischen Traum hinterher, während ihr Leben zunehmend zum Albtraum wird.

Doch die eigentliche Geschichte, die Luca die Fulvio erzählt und von Anfang an erzählen wollte, ist die, dass man diesem Albtraum entkommen kann. Mit Charme. Mit Gewieftheit. Und indem man schlicht und einfach die richtigen Worte im richtigen Moment benutzt. Wie Christmas Luminita.

© Leonie Bredl