„Der Trafikant“ von Robert Seethaler

Mit „Der Trafikant“ ist dem Wiener Buchautor Robert Seethaler sicherlich ein großer Wurf gelungen: Seit dem Erscheinen des Romans im September 2012 begeistert er Leser und Presse. Bereits im Dezember erschien die zweite Auflage.

Das Buch erzählt die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der 1937 seine Heimat am Attersee verlässt, um nach Wien zu gehen. Dort soll er in der Trafik, also einem Zeitungs- und Tabakgeschäft, eines Bekannten seiner Mutter, Otto Trsnjek, arbeiten. Einer der Kunden dort ist auch der bekannte „Deppendoktor“ Sigmund Freud. Franz ist vom ersten Moment an fasziniert von diesem in die Jahre gekommenen Professor und zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.

In Wien trifft Franz auch auf die hübsche Böhmin Anezka, in die er sich sofort verliebt – leider jedoch unglücklich.

Doch nicht nur Liebeskummer und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens machen Franz zu schaffen: Auch gewinnen die Nationalsozialisten an Zuspruch in Österreich und das politische Klima in Wien verändert sich drastisch. Juden und Quertreiber müssen das Land verlassen oder werden verhaftet. Zu den Quertreibern gehört wohl auch Otto Trsnjek und zu den Juden Sigmund Freud und so wird Franz schon bald viel tiefer in die Geschehnisse hineingezogen, als es gut für ihn ist.

Erzählt wird die Geschichte fast durchgehend aus der Sicht von Franz. Anfangs wird nur wenig über seine Figur verraten und die Geschichte wirkt fast etwas märchenhaft. Man fühlt sich, als würde man sie von einem Bekannten erzählt bekommen, gut erzählt aber nur umrissen und ohne viele Einzelheiten. Nach und nach ändert sich dieser Stil jedoch. Franz lernt sich selbst in Wien mehr und mehr kennen und mit jedem bisschen scheint auch der Leser ihm näher zu kommen.

Während Franz dann ganz mit den Problemen eines Heranwachsenden beschäftigt ist, mit seiner Lehre, mit Anezka und seinen ersten sexuellen Erfahrungen, da schleicht sich parallel wie ein Schatten der zweite Weltkrieg heran, fast unbemerkt und doch ständig allgegenwärtig. Franz‘ Naivität erinnert fast schon an die heutige Politikverdrossenheit der jungen Generationen, die so vertieft in ihre eigenen Probleme scheinen, dass das Weltgeschehen mitsamt Euro-Krise und Nahost-Konflikt an ihnen vorbeizieht.

Als Franz sich fragt, welche Berechtigung seine dummen, kleinen Sorgen überhaupt „neben diesen ganzen verrückten Weltgeschehnissen“ haben, da gibt Sigmund Freud einen Ansatz zum Nachdenken: „Ich glaube, da kann ich dich beruhigen: Erstens sind Sorgen in Bezug auf Frauen zwar meistens dumm, aber selten klein. Und zweitens könnte man diese Frage auch andersherum stellen: Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“ (Seite 138)

Die Beschreibung Sigmund Freuds ist sehr lebhaft und macht tatsächlich Lust, sich mit seinen Büchern und der Psychoanalyse zu beschäftigen. Im gesamten Buch ist zu spüren, wie gut sich der Autor mit der Thematik, der Person Sigmund Freuds, den Schauplätzen und dem historischen Hintergrund auseinandergesetzt hat. Allerdings passiert dies nie auf eine aufdringliche Weise, als würde der Autor mit Einzelheiten und Fakten prahlen wollen, sondern stets dezent und nur da, wo es hingehört. So zum Beispiel die Beschreibung der Sprechweise Sigmund Freuds:

„Er sprach langsam und so leise, dass er nur schwer zu verstehen war. Dabei öffnete er kaum den Mund. Es war, als ob er jedes einzelne Wort nur unter erheblicher Anstrengung durch die Zähne gepresst bekäme.“ (Seite 37)

Die Thematik, also der Nationalsozialismus und der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, ist von Robert Seethaler mutig gewählt. Es gibt bereits unzählige Bücher und Filme, die die tragischen Schicksale des zweiten Weltkrieges beleuchten und die meisten davon drohen unübersehbar mit dem erhobenen Zeigefinger. Man könnte meinen, die Leser seien dem schon überdrüssig geworden.

Doch Seethaler lässt den Zeigefinger weg und genau das macht das Buch angenehm zu lesen. Das Kriegsgeschehen wird einem nicht penetrant aufgedrückt, obwohl es doch Bestandteil der Geschichte ist. Der Autor erzählt einfach die ganz schlichte Geschichte eines unscheinbaren, nichtjüdischen und äußerst naiven Lehrjungen, dessen Schicksal nicht weniger tragisch ist als das der Anne Frank.

Seethaler erzählt mit viel Liebe zum Detail und zeichnet seine Figuren mit zärtlicher Genauigkeit. Sei das nun der Weberknecht, der an Sigmund Freuds Zimmerdecke zittert oder der Geruch des Professors, der Franz an Sägespäne erinnert.

Sein Schreibstil ist leicht und enthält diesen typischen humorvollen und doch trockenen Charme, wie scheinbar nur Österreicher ihn einzusetzen wissen. Die Handlung ist einfach und ohne viel Schnörkel und vielleicht gerade deshalb wunderbar fesselnd.

Auch der Einband ist schlicht und trotzdem ansprechend gehalten. Das dünne Buch – klassisch gebunden und mit stilvollem Lesebändchen – ist perfekt für unterwegs und es passt trotzdem die ganze Geschichte hinein. Die Handlung ist schön abgerundet und auf den Punkt gebracht.

Alles in allem ist „Der Trafikant“ das schlichteste und wunderbarste Buch, das ich seit langem in die Hand bekommen habe. Es nimmt einen so sehr gefangen, dass man erst, wenn man das Buch wieder zugeschlagen hat, merkt, wie schwer es ist, wieder daraus aufzutauchen.

© Leonie Bredl