„Die kurzen und die langen Jahre“ von Thommie Bayer

„Ich weiß, du warst in einer Situation, in der du es nur falsch machen konntest. Mir wäre vielleicht ein anderes Falsch lieber gewesen als dieses.“

jahre
1974
Der 22-jährige Simon läuft der acht Jahre älteren Sylvie über den Weg. In dem Haus auf dem Feldberg, in dem sein Vater und ihr Mann ihre Homosexualität auslebten und plötzlich ermordet wurden.

Zwischen Sylvie und Simon entsteht sofort eine besondere Art der Seelenverwandschaft, die Simon für Liebe hält und Sylvie nicht. Sie schreiben sich Briefe, freunden sich an und halten engen Kontakt – und werden schließlich doch wieder auseinander geworfen.
Und dann ziehen sie vorbei, die kurzen und die langen Jahre. Und die ganze Zeit bleibt das Schicksal der beiden ineinander verstrickt.

Ein Liebesroman. Und dann irgendwie doch nicht. Ein Mord, aber kein Krimi. Ein Buch über das Leben. Oder eher über das Nicht-Leben.

Manchmal ist der Mensch, den wir lieben, nicht der, der uns nah ist. Melancholisch ist er, der neue Roman von Thommie Bayer. Er ist vom ersten Moment an so echt und so greifbar, dass man sich fragt, wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt. Denn es ist eine Geschichte, wie sie eigentlich nur das Leben erzählen kann, und es wirkt, als hätte der Autor sie eingefangen und dann zu Papier gebracht.

Thommie Bayer hat einen tollen Schreibstil und viel Feingefühl dafür, wie viel man erzählen muss und wie viel erzählt wird, obwohl man es verschweigt.

„Die kurzen und die langen Jahre“ hat mir beim Lesen die Kehle zugeschnürt. Das Buch hat mich zu Tränen gerührt, obwohl es eigentlich wirkt, als sei es für eine ganz andere Generation geschrieben worden (für die in den Fünziger oder Sechziger in Deutschland Geborenen). Ich als junger Mensch habe es ein bisschen wie einen Brief gelesen, der eigentlich an einen anderen adressiert ist, der mich aber trotzdem etwas angeht. Und der so ziemlich alle Emotionen in sich bündelt.

Also egal, wie viel kurze und lange Jahre hinter einem liegen: Das Buch ist einfach absolut lesenswert!