„Fifty Shades Of Grey“ – Twilight für Erwachsene


Nach J.K. Rowlings Erfolgsgeschichte folgte nun die nächste Cinderella-Story: Die vorher unbekannte britische Autorin E.L. James landete mit ihrem Erotikroman „Fifty Shades of Grey“ einen internationalen Bestseller. Insgesamt 65 Millionen Exemplare der Trilogie gingen weltweit über die (virtuelle) Ladentheke, der Roman verkaufte sich in Großbritannien sogar schneller als „Harry Potter“. Auch in Deutschland halten sich alle drei Bände auf den ersten Plätzen der Spiegel Bestsellerliste. Bei so viel Hype habe ich mir das Buch doch einmal näher angeschaut.

„Fifty Shades of Grey“ handelt von einer unschuldigen, durchschnittlichen Studentin, die  einen Mann kennenlernt, der gutaussehend, charismatisch, erfolgreich und sehr wohlhabend ist. Das einzige Problem: Er hat ein mysteriöses Geheimnis, das es fast unmöglich zu machen scheint, mit ihm eine gewöhnliche Beziehung zu führen. Trotzdem wird er es versuchen. Nur für sie.

Klingt vertraut? Ja, tatsächlich ist das in etwa der Handlungsverlauf eines jeden Schundromans. Doch vor allem an einen ganz bestimmten Fantasy-Roman erinnert das Buch: an Stephenie Meyers „Twilight“. „Fifty Shades of Grey“ spielt sogar in derselben Gegend um Seattle. Dies ist nicht weiter verwunderlich, schließlich gibt die Autorin offen zu, dass sie sich von der Vampirsaga hat inspirieren lassen. Sie ist bekennender Twilight-Fan und hat in der Vergangenheit Fangeschichten im Internet veröffentlicht. Aus einer dieser Fangeschichten entstand dann auch ihr Bestseller.

Christian Grey ist kein Vampir. Er ist ein kontrollsüchtiger Mann, der sich für die Praktiken des BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) begeistert. Das bedeutet nicht nur, dass er auf Schläge und Fesselspielchen steht, sondern auch, dass Anastasia Steel – die Studentin – einen Vertrag unterschreiben muss, der besagt, dass sie von Freitagabend bis Sonntagabend seine Untergebene ist. Darin wird auch festgehalten, welche Limits beide Vertragspartner setzen und welche Praktiken ausgeschlossen werden. Anastasia jedoch wünscht sich eine Liebesbeziehung – was für Christian wegen seiner traumatischen Kindheit nicht möglich ist. Im ersten Band hadert Anastasia also lange mit der Entscheidung, ob sie den Vertrag unterschreiben soll. Und hadert. Und hadert. Und hadert. Und kommt endlich zu einer Entscheidung. Und der erste Band ist aus.

Doch um den zweiten Band in die Hand zu nehmen ist schon der erste entschieden zu langatmig. Sollten alle drei Bände ähnlich geschrieben sein, hätte man getrost auf die Trilogie verzichten können und einen Band daraus machen. Doch das entsprach dem Verlag vermutlich zu wenig der Mode und dem Gedanken der Gewinnmaximierung.

Literarisch ist das Buch schlichtweg schlecht. Durch die immer wiederkehrenden Dialoge und die sprachlichen Wiederholungen ist es sehr zäh zu lesen. Die wohl am häufigsten vorkommenden Worte sind „holy crap“ und „fuck“, gerne auch kombiniert zu „holy fuck“, wenn Anastasia besonders geschockt ist. Sonderlich erotisch ist das nicht.

Die Figuren wirken fast 1 zu 1 aus „Twilight“ abgekupfert und erleben im Verlauf des Buches keine Entwicklung.
Am anstrengendsten ist die Figur des Christian Grey, der spricht als würde der Autor einer Daily Soap die Dialoge für ihn schreiben („I don‘t make love, I fuck… hard“ oder auch „I want you sore, baby. Every time you move tomorrow, I want you to be reminded that I’ve been here. Only me. You are mine.”). Noch dazu kündigt er jedes Mal vorher den Sex an („I am going to have you now“), dabei kommt der meistens gar nicht so unerwartet.

Weshalb also ist das Buch so beliebt?
Die Geschichte ist zwar wahrlich nichts Neues, scheint aber immer wieder zu funktionieren: Das unscheinbare Mädchen, das sich in einen umwerfenden Mann verliebt, der zwar gefährlich für sie ist und doch alles daran setzen würde, sie zu beschützen. Ob der Angebetete nun Christian Grey, Edward Cullen oder Heinrich Faust genannt wird, ist irrelevant.

Vielleicht ist es heutzutage nicht mehr einfach oder sogar unmöglich, wirklich neue Geschichten zu erfinden. E.L. James‘ Ideenklau ist zwar sehr offensichtlich, doch sie sagt auch offen, dass „Fifty Shades of Grey“ ursprünglich nur als Fanfiction gedacht war. Was erschüttert ist dann wohl eher der Hype aus den Reihen der Leser.

Natürlich ist da der Sex und der Reiz des Verruchten. Die Sexszenen sind alle sehr explizit geschrieben und natürlich ist der Sex immer „gut“. Und sex sells bekanntlich. Auch erwartet man vom Buch vermutlich einen gewissen Schockeffekt, schließlich geht es um Sadomasochismus.

Trotzdem: es gibt zahllose Erotikromane wie „Fifty Shades of Grey“ und manche davon sind bestimmt literarisch um einiges wertvoller. Es wurden auch schon Bücher über BDSM oder andere kontroverse Sexpraktiken veröffentlicht. Was ist also das große Geheimnis?
Geschicktes Marketing? Oder ist der Roman tatsächlich nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfolgreich geworden?

Das könnte dann bedeuten, dass viele Menschen ein geheimes Verlangen nach BDSM-Praktiken haben. Oder, dass die Leser offener und aufgeklärter mit dem Thema Sex  und dem Tabuthema Sadomasochismus umgehen wollen.

Oder einfach, dass viele Menschen nicht fähig sind zwischen anspruchsvoller und weniger anspruchvoller Literatur zu unterscheiden und daher lieber das konsumieren, was ihnen vorgesetzt wird – um ganz nebenbei eine Durchschnittsautorin um Millionen Dollar reicher zu machen.

Stephenie Meyer interessiert sich übrigens nicht im geringsten für das Buch ihres großen Fans und hat nicht vor, es zu lesen.

© Leonie Bredl